Nähen in Zeiten der Coronakrise

Eigentlich wollte ich das Thema Coronavirus auf meinem Nähblog vermeiden. Nun gibt es aber doch ein paar Gedanken, die mich in den letzten Tagen beschäftigen und die ich gern mit euch teilen möchte.

Wie ihr vielleicht wisst, leben wir in Barcelona. Seitdem die spanische Regierung den Notstand ausgerufen hat, besteht hier Ausgangssperre. Für die Bürger heißt das, sie dürfen nur noch die Wohnung verlassen, wenn sie Lebensmittel oder Medikamente einkaufen gehen müssen. Alle anderen Geschäfte haben geschlossen. Manche Menschen müssen weiter arbeiten gehen. Das dürfen sie auch, allerdings nur, wenn es sich nicht vermeiden lässt. Die Unternehmen sind dazu angehalten, das Home Office zu ermöglichen.

Wie wir die Ausgangssperre erleben

Für uns persönlich bedeutet dies, dass wir Erwachsenen einkaufen gehen, wenn es sich gar nicht anders vermeiden lässt. Das war innerhalb dieser Woche einmal der Fall. Ich bin zugegebenermaßen zart besaitet und mich hat der erste Supermarkt-Einkauf seit der Ausgangssperre sehr mitgenommen. Ich habe im Supermarkt die Tränen zurückhalten müssen. Die Regale waren LEER. Es gibt Frischwaren, wie Fleisch, Obst und Gemüse, was am aller, aller wichtigsten ist. Nicht mehr erhältlich waren zum Beispiel Kaffee, Fruchtjoghurt, Schokolade, Oliven, Küchenpapier, passierte Tomaten und Mehl. Ganz ehrlich, Leute!!!!! Wir gehören zu denen, die NICHT gehamstert haben, weil wir es einfach unsolidarisch finden (ich nehme jetzt mal nicht das Wort asozial)! Die Waren, die jetzt fehlen, fehlen aber nicht, weil es Versorgungsengpässe gibt, sondern weil die Leute hamstern.

Jeder, der sich dazu hingerissen fühlt, hier ein Appell, den ihr sicher dieser Tage schon oft gehört habt: DENKT MIT! Was ihr hamstert, fehlt nicht nur anderen Erwachsenen in eurer Situation, sondern auch Kindern und Bedürftigen. Und was noch schlimmer ist: handelt es sich um Essentielles, wie Klopapier, müssen Leute ihren Einkaufsradius erhöhen und erhöhen damit auch die Gefahr der Verbreitung des Virus. Also: Es gibt in Europa keine Versorgungsengpässe!!! Denkt an alle und zeigt euch solidarisch!

Uns selbst fehlt es glücklicherweise an nichts – sowohl was das Kochen als auch was die Beschäftigungsmöglichkeiten angeht, sind wir kreativ. Wir basteln derzeit viel – sei es mit Knete oder Papier. Auf Instagram poste ich derzeit auch immer mal wieder ein paar unserer Kreationen. Alle lassen sich mit wenigen Materialien realisieren und vielleicht hilft es anderen Familien mit Kindern, die Situation gut zu überstehen. Bastelanleitungen und Co. schauen wir uns derzeit allerdings nicht an, einfach weil wir fehlende Materialien ja nicht einfach kaufen könnten.

Sind Online-Käufe die Lösung?

Nur zum Teil: Erstens, die Supermärkte zum Beispiel bieten hier gar keine Online-Lieferungen mehr an, weil sie völlig überlastet sind. Wir haben uns auch die Frage gestellt – auch in Sachen Nähen -, ob wir nicht einfach online bestellen. Mir juckt es in den Nähfingern und die Idee, wochenlang vielleicht nicht nähen zu können, weil ich einfach keinen Stoff mehr habe, ist nicht besonders prickelnd. Außerdem kommt Ostern auf uns zu und wenn es weiter so geht, wird mein Kind auf Ostern mit allem drum und dran verzichten müssen: auf kleine Osterüberraschungen, bunte Ostereier, sogar auf Schokoladeneier und Schoko-Hasen.

Mir blutet das Herz. Aber: Mit jeder Lieferung durchbricht man im Grunde die Quarantäne. Jede Lieferung bedeutet eine Ansteckungsgefahr. UND: Jede Lieferung bedeutet, dass ein Bote sich genau dieser Gefahr aussetzt, statt selbst zu Hause zu sein, gefährdet er sich selbst und andere – und das nur, um unseren Konsumzwang zu erfüllen. Daher knöpfe ich mir im Moment lieber meine Stoffreste vor und mache in bisschen Patchwork. Natürlich leiden die Stoffhändler unter der Situation. Aber auch das kann man vermeiden. Eine Möglichkeit ist zum Beispiel, Bestellungen aufzugeben und den Händler einfach zu bieten, sie aufzubewahren und erst nach Absprache zu versenden. Oder man bittet den Händler um das Ausstellen von Gutscheinen. So stützt ihr weiter eure Stoffhändler, es muss sich aber niemand gefährden. Will oder kann man dennoch nicht auf Bestellungen verzichten, bestellt die Dinge möglichst auf einmal, statt mehrere kleine Bestellungen aufzugeben.

Ist das alles übertrieben?

Aus Deutschland erhalten wir immer mal die Information, dass manche das alles für übertrieben halten. Ich habe auch lange gebraucht, bis mir die Situation wirklich klar geworden ist. Sonst überzeugte Helikopter-Mama, hatte ich fest beschlossen, mich dieses eine Mal, NICHT verrückt machen zu lassen. Mein Kind ist Asthmatiker und gehört damit zur Risikogruppe. Ich wollte mich einfach nicht mit der Angst anstecken lassen.

Als die Schulen geschlossen haben, ließ sich der Ernst der Lage aber nicht mehr leugnen. Ich denke, es ist menschlich, die Gefahr in solchen Situationen zu verdrängen. Das heißt aber nicht, dass man sich nicht irgendwann damit auseinandersetzen muss und schon gar nicht, dass man das Recht hat, andere zu gefährden, nur weil man selbst vielleicht gesund ist. Mein Kind und auch mein Partner gehören zur Risikogruppe. Lange hieß es, Covid-19 sei nur für ältere Menschen gefährlich. Das haben die Fälle in Italien und Spanien schon längst widerlegt. Hier sterben Menschen in den 20ern. Grund für Panik ist das nicht, die hilft niemandem. Schließlich haben die Menschen auch keine Panik vor Medikamenten, obwohl deren Nebenwirkungen jährlich bis zu 25.000 Menschen in den Industrieländern töten. Und es gibt Möglichkeiten, sich vor der Ansteckung zu schützen, die wir alle jetzt einfach mal einhalten sollte.

Angesichts der Fallzahlen, die man gut auf der Karte der Morgenpost verfolgen kann, halten wir uns strikt an die Ausgangssperre. Nicht nur, um uns selbst zu schützen, sondern auch andere. Ich persönlich möchte nicht schuld daran sein, dass jemand meinetwegen stirbt. Und genau das könnte passieren. Hier in Katalonien ist die Zahl der Fälle exorbitant gestiegen. Die Krankenhäuser sind völlig überlastet. Die Todesopfer nehmen zu. Nein, es ist nicht alles übertrieben. Das bringt Eltern in eine unbequeme Lage: selbst die Situation ernst nehmen, den Kindern aber keine Angst machen.

Der Krise mit Humor begegenen

Mit meinem 9-jährigen Sohn rede ich offen über das Coronavirus. Einerseits soll er natürlich wissen, dass nicht wir ihm verbieten, den Fuß vor die Tür zu setzen – und einem 9-jährigen eine Ausgangssperre zu verpassen ist einfach nur unmenschlich -, sondern dass die Situation es erfordert. Andererseits sind Kinder super feinfühlig und bekommen ohnehin mit, wenn die Erwachsenen sich sorgen. Offen darüber sprechen, ist für uns daher schon immer das A und O. Angst soll er natürlich nicht haben, deshalb versuchen wir, den Alltag mit viel Humor zu meistern. Einfach ist das nicht, denn ich muss in Vollzeit weiterarbeiten und mein Kind beim Home Schooling betreuen. Da liegen öfter mal die Nerven blank. Aber wir haben auch gemerkt, dass viel mit der inneren Einstellung zusammenhängt. Ich habe mich damit abgefunden, dass das jetzt viele Wochen lang der Alltag sein kann und wir haben einen Tagesplan entwickelt. Der ist relativ flexibel, denn wann immer mein Kind Lust zum Spielen oder Basteln hat, kann er das tun.

Oben im Bild seht ihr einen Helm, den er sich gebastelt hat, um dem Virus den Kampf anzusagen. Mit selbst gebastelter Machete natürlich! Zum Einsatz kommt dabei unsere selbst genähte Pumphose, die wirklich ein absoluter Allrounder ist. Das Schnittmuster ist die
 Happy Ben(te) von Happy Pearl , verwendet habe ich einen dunklen Jeansstoff und schwarzes Bündchen. Damit ist die Hose in verlängerter Form auch für größere Kinder ideal. Bequem und trotzdem nicht zu (klein-)kindlich. Dank des dunklen Stoffes nutzen wir sie nicht nur im Alltag, sondern auch zum Fasching und bei anderen Verkleidungsaktionen.

Neben Verkleidungsaktionen liegt gerade das Tanzen ganz groß im Rennen. Singen und Tanzen baut Spannungen ab und ist ideal, um selbst auf kleinstem Raum Bewegung zu erhalten. Erlaubt ist dabei alles, was Spaß macht. Für die Schule drehen wir zum Beispiel gerade ein Video mit einer Choreographie zum Lied „Conquest of Paradise“ von Vangelis. Den Virus, davon sind wir überzeugt, werden wir alle nämlich genauso gut meistern, wie der Boxer Henry Maske, der das Lied als Einmarschlied wählte. Na, wer kann sich daran noch erinnern?

Macht es gut, bleibt gesund und wühlt einfach mal eure Stoffkiste durch statt in Kaufrausch zu verfallen 😉

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2 Antworten

  1. Maren sagt:

    Danke, dass du doch was zur Coronakrise und dem persönlichen Umgang damit schreibst.Ich gehöre selbst auch zur Risikogruppe und stelle fest, dass viele Menschen nicht mit solidarischen Gedanken unterwegs sind. Deine Erfahrungen spiegeln sich auch in Deutschland.Du hast mir mit jedem Wort aus der Seele gesprochen.Ich hoffe, es erreicht viele Menschen.Danke!

    • swerner sagt:

      Liebe Maren, vielen Dank! Es gibt so viele unterschiedliche Meinungen und Informationen zur gegenwärtigen Situation, dass ich es gar nicht einfach finde, immer einen klaren Kopf zu behalten und mir eine solide Meinung zu bilden. Aber ich finde auch, dass das Wichtigste gerade ist, an die Menschen zu denken, die als Risikogruppe gelten und so gut wie nur irgenwie möglich zusammenzuhalten. Ich wünsche dir alles Gute und hoffe, du bleibst gesund 🙂

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