Was mein Nähblog mit Geschlechterrollen zu tun hat

Mein Nähblog hat in diesem Monat Jubiläum. Vor einem Jahr habe ich beschlossen, nichts mehr zu kaufen, sondern nur noch selbst zu nähen. Einer der Gründe dafür war, so abwegig es klingen mag, der Kampf gegen Geschlechterrollen – und der Wille, mein Kind zumindest in Sachen Kleidung dagegen zu wappnen.

Park Güell Barcelona
Copyright: Miguel Segarra Palazuelo

Warum das Ganze?

Für meinen Start ins shoppingfreie Jahr, durch das ihr mich hier auf meinem Nähblog in den letzten 12 Monaten begleiten konntet, gibt es ganz viele verschiedene Gründe. Einer von ihnen war aber tatsächlich der Wunsch, meinem Kind zu ermöglichen, sich hinsichtlich seiner Kleidung frei und ohne Einschränkungen auszudrücken. Das ist Kindern bei der Auswahl in bekannten Modehäusern leider nur sehr begrenzt möglich. Uns haben einige sehr bittere Momente und dicke Tränen zu dieser Erkenntnis geführt.

Für Kinder nur noch zu nähen und wirklich gar nichts (außer Winterjacken, die meine Maschine leider nicht schafft) zu kaufen, ist eine echte Herausforderung. Die Kids wollen nicht nur zu jeder Saison die passende Kleidung haben. Sie wachsen auch wie verrückt! Wüsste ich es nicht besser, würde ich behaupten, jemand hätte Wachstums-Wunder-Mittel in die heiß geliebten sauren Gurken meines Neunjährigen gespritzt.

Trotzdem hatte ich mir fest vorgenommen, trotz Full-Time-Job auch für meinen Sohn nur noch zu nähen statt zu kaufen. Zum einen reagiert die Haut meines Jungen sehr schlecht auf Polyester. Beim Nähen kann man wunderbar in Ruhe Stoffe und ihre Zusammensetzung auswählen und Kleidung aus natürlichen Materialien zu vertretbaren Preisen nähen. Aber das war nicht der einzige Grund. Einer der weiteren Gründe lässt sich in einem Wort zusammenfassen: Geschlechtergerechtigkeit. Bei Mädchen wird viel (und das ist dringend nötig!!!) darüber gesprochen, wie benachteiligend das ganze Thema häufig ist. Doch auch Jungen leiden unter den Geschlechterrollen (und Farb-Schubladen!), in die sie gesteckt werden.

Mein erster bitterer Aha-Moment

Mein erstes Aha-Erlebnis hatte ich diesbezüglich, als mein Sohn weniger als ein Jahr alt war. Damals kam ich mit Baby auf dem Arm in die Sprechstunde beim Arzt. Mein Kind trug einen wunderschönen, kuschelweichen, WEINROTEN Strampler.

Die Dame an der Rezeption: Wie heißt die Kleine denn? Ich glaub, Sie haben gar keinen Termin.

Ich: Es ist ein Junge, wir haben den Termin in 10 Min.

Sie: Oh, hier habe ich Sie, ihr Nachname ist notiert. Dann nehmen Sie mal mit ihrer Tochter im Wartesaal Platz. DIE KLEINE hat übrigens einen sehr schönen Strampler an.

Grrrrrrr. Ich wäre fast geplatzt. Denn schon damals schwante mir, die Sache mit der gendergerechten Erziehung wird neben „wo finde ich einen Strampler, der nicht rosa oder hellblau ist?“ ein ECHTES Thema – und zwar von Anfang an. Damals half noch der Gang in den Second-Hand-Laden, aber wie sagt man so schön: „Kleine Kinder, kleine Sorgen…“

Auch später ein Drama

Unser zweites Mega-Drama hatten wir, als die Glitzer-Wende-Pailletten gerade hipp wurden. Mein Kind und ich schlendern durch die Kinderabteilung in einem großen Warenhaus (eine echte Ausnahmesituation), da entdeckt mein Sohn ein Shirt mit glitzernden, blinkenden Wendepailletten. Jeah!!!! Knall-ROSA, ein hübsches, regenbogenbuntes Herz, darunter irgendein Schriftzug mit „Girls“, damit auch wirklich JEDEM klar wird – „Boys, don’t touch!“ Leider hatte mein damals 6-Jähriger zu der Zeit gerade schon die ersten Englisch-Stunden und wusste sehr genau, was „girls“ bedeutet.
Die Tränen, die daraufhin folgten, zerreißen mir jetzt noch das Herz, wir haben nämlich das GANZE Geschäft (und das war nicht klein), nach einem Shirt mit Pailletten für Jungen abgesucht. Gab es nicht. Und ich habe mir an diesem Tag geschworen…

a) Geschäft XY nicht wieder zu betreten, sorry, ihr lieben Einkäufer, die ihr nur der Nachfrage gerecht werden wollt und
b) diese Situation definitiv nicht zu akzeptieren. Und zwar deshalb, weil ich als Mutter eine Verantwortung habe. Ich habe die Verantwortung, Gleichheit vorzuleben. Gleiche Möglichkeiten, gleiche Rechte, gleiche Pflichten, gleiche Freiheiten, gleiche Aufgaben. Doch wie bitte soll das gehen, wenn schon Kindern immer wieder ganz deutlich nicht nur sozial und emotional (von „Indianer heulen nicht“ reden wir hier noch nicht mal), sondern auch rein optisch vor die Augen gehalten bekommen, in welche Schublade sie bitte hereinzupassen haben.

Die Konsequenz: Die Wahl lassen und nähen statt kaufen!

Also haben wir uns geeinigt: Ich entscheide, welches Schnittmuster ich nähe (natürlich nach Rückfrage), mein Sohn wählt die meisten Stoffe aus. Seine Lieblingsfarbe: lila. Der Gang ins Stoffgeschäft: immer wieder ein echtes Erlebnis. Mein Kind hat nämlich einen ganz eigenen, wundervollen, mich immer wieder neu inspirierenden Geschmack. Die Rückseite seiner Patchwork-Decke ist pink, durchzogen mit goldenen Mustern, sein Lieblingshemd aus violettem Waxprint, unsere Lieblings-Behalfsmasken aus leuchtendem Orange. Natürlich lieben wir aber auch Gelb, Grün, Blau, Türkis und einfach alles, was das Leben bunter macht.

Jerseynudel

Was mich aber wirklich überrascht und leider auch sehr, sehr traurig gemacht hat, war die Reaktion der VerkäuferInnen in verschiedenen Stoffgeschäften. Es waren nämlich bisher noch NIE die Männer, die die außergewöhnlichen Wünsche meines Kindes respektlos kommentiert hätten. Ganz im Gegenteil, von ihnen wurde er so respektvoll behandelt, dass man während des Einkaufs zusehen konnte, wie sich sein schüchterner Kopf hob, er die Schultern straffte und seine Stimme fester wurde. Merkwürdige Kommentare hinsichtlich seiner Farbwahl (Was wollt ihr denn DARAUS nähen?) und ein Kopfschütteln, wenn wir dann sagen, dass es sich um Kleidung für den Jungen handelt mit Kommentaren, dass so etwas „glücklicherweise“ ja heute möglich sei, kam bisher immer von weiblichen Verkäuferinnen. Ich hoffe auf einen unglücklichen Zufall.

Mich selbst aber hat diese Beobachtung noch einmal zusätzlich nachdenklich gemacht und ich habe beschlossen, beim Stoffkauf NOCH einen Schritt zurückzutreten, denn auch ich habe mich mitunter dabei beobachtet, wie ich die Farbwahl meines Kindes ab und zu angezweifelt habe – aus Angst, er könnte in der Schule gehänselt werden. Doch wenn mein Kind diese Angst nicht hat, warum sollte ich sie dann schüren? Und er geht glücklicherweise in eine derart durchmischte Schule mit Kindern aus aller Welt, dass Kleidung überhaupt kein Thema ist und die Kinder jeden Tag aufs Neue lernen, mit fremden Kulturen und neuen Einflüssen umzugehen.

Unser Triumph

Natürlich gibt es bei so viel Drama auch ein Happy End – und zwar eines, das mich wirklich zu Tränen gerührt hat. Es war kurze Zeit nach den Aufhebungen der Ausgangssperre für die Kinder. Wir hatten den Park Güell hier in Barcelona besucht und haben dem kleinen, tapferen Wanderer eine hausgemachte Pizza aus unserer Lieblingspizzeria, die von einer befreundeten Familie betrieben wird, versprochen. Aufgrund der Restriktionen haben wir draußen auf unsere Pizza gewartet, da hören wir plötzlich ein katalanisches Seniorenpaar sprechen:

Sie: Schau mal!!! Hast du das Hemd gesehen, das der Junge anhat. DAS ist mal eine schöne Farbe! Wie schön wäre es gewesen, hätte ich unserem Jungen sowas kaufen können.

Kaufen kann man das leider nicht, aber selber machen hat sich doch mal wieder gelohnt, denn während ich mit meinen Freudestränen kämpfte, hat mich mein Kind ganz stolz angeblickt, ein bisschen an seinem coolen Stehkragen gezuft und gemurmelt: „Mama, ich hab dich lieb!“

Hier könnt ihr übrigens nochmal das violette Hemd aus afrikanischem Waxprint-Stoff auf meinem Nähblog bewundern.

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2 Antworten

  1. Maren sagt:

    Deine Beweggründe, besonders im Kontext Gender, finde ich sehr gut.Du bist wirklich sehr reflektiert und fu solltest diese Thematik weiter verfolgen…Danke für ein tolles Jahr mit guten Anregungen!

    • swerner sagt:

      Vielen Dank, liebe Maren! Das ist ein sehr spannendes Thema und bestimmt wird die Zeit dabei auch noch ganz viele Veränderungen bringen. Danke fürs Dabeisein 🙂

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